Was an dieser Stelle in schmunzelndem Einverständnis einfach ausgeplaudert wird, ist das extrem peinliche Geschäftsmodell des modernen Kolumnismus. Der Kolumnismus folgt einer Nachfrage, die sich gerne möglichst oft in süffigen Textchen ihre Ressentiments bestätigen lassen möchte. Martenstein, der sich in den letzten Jahren systematisch als Außenseiter des linksliberalen Mainstreams inszeniert hat, gibt hier ganz offen zu, dass er gerne über Themen schreibt, die beim Publikum ausgesprochen beliebt sind - vor allem offenbar bei Menschen, die in der Lage sind, mehrere tausend Euro für eine Schiffreise hinzublättern – you know, das einfache Volk, das sich vom Gendern der Elite abgestoßen fühlt… Die Tatsache, dass es unter „Zeit“-Leser:innen offenbar nichts Beliebteres gibt, als sich über das Gendern lustig zu machen, verweist auf den libidinösen Status dieses Ressentiments - die fast rauschhafte Freude an einer Verachtung, die sie sich mit den Fans von Mario Barth teilen. Diese Fans haben vielleicht nicht die 7000 Euro für eine Mekong-Flussreise parat, aber sicher die 35 Euro, die ein T-Shirt mit der Aufschrift „Ich gender nicht, ich habe einen Schulabschluss“ aus dem Barth-Fanshop kostet. Hier trifft Martensteins gediegener Anti-Intellektualismus (alle Menschen, die gendern, behauptet er im Interview, seien Journalisten, an der Uni oder in NGOs) auf die prollige Bildungsbeflissenheit eines Mario Barth („Ich habe einen Schulabschluss“). Es handelt sich um einen fast rührenden klassenübergreifenden Konsens, der sich im gemeinsamen befreiten Wiehern über die Absurdität der modernen Gesellschaft Bahn bricht.